Zweiter Tschetschenienkrieg – Das Gefecht um Höhe 776

Heute fange ich eine neue Kategorie an. Deren Fokus weniger auf aktueller Politik liegt, sondern sich mit einzelnen Schlachten und Gefechten beschäftigt. Sie wird also kleine Rückblenden auf eine der niedrigsten Ebenen von ausgeführter Sicherheitspolitik geben. Bekannte Schlachten wie die Schlacht bei Tannenberg oder die Ardennen-Offensive werde ich dabei auslassen und mich den eher weniger beachteten zuwendeten wie etwa dem Gefecht um Höhe 776.

Das Gefecht um Höhe 776 fand während des zweiten Tschetschenienkrieges vom 29.02.2000 – 01.03.2000 statt. Die daran beteiligten Konfliktparteien waren die Russische Föderation die gegen Tschetschenische Rebellen und ihre ausländischen Unterstützer gekämpft haben. Diese ausländischen Unterstützer waren freiwillige Mudschaheddin die sich dem tschetschenischen Freiheitskampf angeschlossen haben.

Die Befehlshaber waren auf russischer Seite Generaloberst (damals) Gennadi Nikolajewitsch Troschew als Oberbefehlshaber und Mark Jewtjuchin (Oberstleutnant, verstorben) als Kommandeur der russischen Fallschirmjägerkompanie eigentlich Kommandeur des 2. Bataillons.

Auf tschetschenischer Seite Schamil Bassajew als Rebellenführer und Ibn al-Chattab der eine Einheit ausländischer Kämpfer kommandierte. Nach seinem Tod  2002 gingen viele seiner Kämpfer in den Irak.

Das Kräfteverhältnis sah wie folgt aus 90 russische Fallschirmjäger gegen ca. 1500-2500 tschetschenische Kämpfer.

Die Vorgeschichte

Nachdem russischen Sieg in der Schlacht von Grosny zogen sich die Rebellen den Argun-Fluss  folgend, bis 20 Kilometer südsüdwestlich von Schali, bei Ulus-Kert zurück und sammelten sich dort neu. Das russische Oberkommando plante daraufhin eine Offensive um die Kräfte der Rebellen einzuschließen, vollständig zu neutralisieren und damit wieder die komplette Kontrolle über die Region zu übernehmen. Gleichzeitig wären damit zwei Führungsfiguren des Tschetschenienkrieges ausgeschaltet gewesen.

Das Gelände um die kleine Stadt Ulus-Kert herum besteht aus bergigem Gelände, mit wenigen für größere motorisierte Truppen geeignete Straßen. Das russische Oberkommando plante daraufhin den Einsatz kleiner, luftbeweglicher Einheiten um den Tschetschenen die Bewegungsmöglichkeiten zu nehmen und sie von Nachschubwegen abzuschneiden. Der eigentliche Vernichtungsangriff sollte dann von kampfstärkeren Einheiten aus dem Norden erfolgen.

Zur Vorbereitung besetzen russische Luftlandetruppen am 22. Februar das Dorf Machkety und riegelten damit den Weg nach Osten fast komplett ab. Am 28. Februar besetzten russische Verbände die Stadt Schatoi ca. 13 Kilometer südlich von Ulus-Kert und blockierten damit den Weg nach Süden.

Der Ausweg für die weitgehend eingeschlossenen Verbände – bestehend aus Rebellen und ausländischen Mudschaheddin – der am sinnvollsten schien, war, trotz der russischen Truppen in Machkety, der Weg nach Osten, da sie dort, in der Bergregion um Wedeno, noch über einige Stützpunkte verfügten, die eine größere Zahl an Kämpfern versorgen konnte und zudem die Möglichkeit bot, sich in Richtung Dagestan oder Georgien abzusetzen und von dort aus an anderer Stelle wieder nach Tschetschenien zurückzukehren.

Generaloberst Troschew sah die Wahrscheinlichkeit für einen Angriff in Richtung Osten als gering an, da nach seiner Einschätzung die Rebellen durch die harten Kämpfen und die schlechte Versorgungslage zu geschwächt seien um größere Offensivaktionen zu unternehmen. Er behauptete gegenüber der Presse sogar, dass keine größeren Banden mehr existierten.

Im Verlauf des 29. Februars besetzten die russischen Fallschirmjäger die Höhen  705.6 / 626 und 787. Die 6. Kompanie bestand aus 3 Zügen, zwei normalen Infanteriezügen und einen mit Maschinengewehren ausgerüsteten schweren Zug. Zusatzlich war ihr eine Aufklärungsgruppe SpezNas zugeteilt.

Die Kämpfer um Schamil Bassajew benutzten einen Weg, der aus Ulus-Kert nach Südosten in die Berge führt. Jeder Kämpfer trug Winterbekleidung und persönliche Ausrüstung, während Lebensmittel, schwere Waffen und Munition von einer Kolonne aus Tragtieren transportiert wurden.

Die 3. Kompanie hatte sich bereits am 27. östlich von Ulus-Kert auf den Höhen 666.0 und 574.9 eingegraben und traf am 29. als erste Einheit auf gegnerische Kämpfer. Deren Spähtrupps wurden von den russischen Fallschirmjägern an diesen Stellungen abgewiesen und zwangen sie einen anderen Weg nach Osten zu suchen.

Da der Kompaniechef der 6., Major Molodow, erst kurz zuvor in die Einheit versetzt worden war, übernahm der Kommandeur des 2. Bataillons, Oberstleutnant Mark Jewtjuchin, für diesen Einsatz das Kommando über die Kompanie.

Eine Landung direkt auf der Höhe war nicht möglich und so musste die 6. Kompanie 15 Kilometer, mit bis zu 50 Kg schwerer Ausrüstung im aufsteigenden Gelände in ihre Stellung marschieren. Die Marschgeschwindigkeit  lag bei 1 Km/h. Ein Aufklärungstrupp wurde mit leichtem Gepäck vorgeschickt und fand die Höhe 776 unbesetzt vor. Fünf Soldaten des Aufklärungstrupps klärten weiter Richtung Höhe 705,6 auf. Die Spitze der Kompanie erreichte Höhe 776 erst gegen 11:20. Gegen 12:00 war der Großteil der 6. Kompanie eingetroffen einige Marschgruppen aber noch weit entfernt.

In der Nähe von Höhe 705,6 traf der verkleinerte Aufklärungstrupp auf rund 20 Rebellen, die die Schwäche des Trupps erkannten und ihm nachsetzten während sich dieser zurückzog.

Major Molodow ging dem Aufklärungstrupp mit einigen Männern entgegen und wurde von den Verfolgern tödlich Verwundet. Aufgefangener Funkverkehr zwischen Chattab und Bassajew deutete daraufhin das die Rebellen nichts von den Fallschirmjägern in der Region wussten, bisher. Bassajew war noch verwundet und schlug vor die Fallschirmjäger zu umgehen. Chattab schlug dagegen einen Angriff vor und konnte sich am Ende durchsetzen.

Die erste, rund 160 Mann starke Rebellentruppe unter dem Kommando von Chattab teilte sich und umging Höhe 776 auf beiden Seiten. Aufgeteilt in Gruppen zu rund 50 Kämpfern. schloss sie die Fallschirmjäger ein. Kurze Zeit später traf die Masse der Rebellen ein.

Eine noch fehlende Gruppe wurde noch im Anmarsch von den Rebellen überrannt und komplett aufgerieben.

Die Rebellen versuchten nun sich an die Stellungen der Fallschirmjäger heran zuarbeiten und sie daran zu hindern  sich einzugraben. Dazu beschossen sie die Fallschirmjäger nach erkennen ihrer Positionen mit Granatwerfern.

Gegen Tagesende zogen sich die Fallschirmjäger mit Ihren Verwundeten auf die Spitze von Höhe 776 zurück. Sie ließen dabei Ausrüstung wie Schlafsäcke, Lebensmittel und andere Gebrauchsgegenstände zurück.

Die Fallschirmjäger forderten Artillerieunterstützung an.

General Troschew schildert dieses Thema in seinen Erinnerungen so: „1.200 Granaten „schütteten“ die Artilleristen des 104. Regiments in die Gegend von Höhe 776,0 vom Nachmittag des 29. Februar bis in die frühen Stunden des 1. März“

Zur Effektivität der Unterstützung kann keine Aussage gemacht werden.

31 Soldaten der 6. Kompanie fielen am ersten Tag.

Die russischen Streitkräfte verfügten nur über Funkgeräte die man nicht verschlüsseln konnte und von den Rebellen auch abgefangen werden konnten.

Natürlich versuchte das russische Oberkommando die eingeschlossen Streitkräfte zu entsetzen. Ein Versuch von zwei SpezNas Zügen scheiterte an einer Abwehrstellung der Rebellen östlich von Ulus-Kert.

In der Nacht gelang es einem Zug der 4. Kompanie aus dem Süden zu den eingeschlossenen durchzubrechen. Die Verstärkung bestand allerdings aus „nur“ 15 Mann. Dabei wurde der stellvertretende Bataillonskommandant schwer verwundet und der Zugführer getötet.

Gegen 5:00 Uhr nahmen die Rebellen die Angriffe wieder auf und drängten die Fallschirmjäger immer weiter auf der Spitze zusammen. Die Fallschirmjäger forderten die Artillerieunterstützung nun auf Positionen die nur 50 Meter von den eigenen Stellungen entfernt lagen. Dabei gingen sie ein großes Risiko des Eigenbeschusses ein. Gegen 6:50 wurde die Stellung vermutlich komplett überrannt.

Am 2. März fand man nur noch Tote finden.

Sechs Fallschirmjäger überlebten das Gefecht und wurden von der 1. Kompanie im Tagesverlauf des 2. März aufgelesen. Zwei hatten sich versteckt, drei gaben an, auf Weisung eines Vorgesetzten vor dem letzten Angriff von der Höhe geschlichen zu sein, der sechste hatte sich nach eigenen Angaben im Verlauf des Gefechts ergeben und war nach Schlägen mit Gewehrkolben ins Gesicht von den Rebellen ausgeplündert und bewusstlos zurückgelassen worden.

84 russische Soldaten starben während des Gefechts. Die Zahl der toten Rebellen schwankt zwischen 100 und 400 Toten.

Bekannt sind aber die Folgen der Großteil der Rebellen entkam und konnte den Kampf fortsetzen. Der Krieg zog sich noch länger hin und auch wenn offiziell beendet ist Tschetschenien genau wie Dagestan und Inguschetien immer noch eine Unruheprovinz.

Welche Lehren lassen sich daraus für die Sicherheitspolitik ziehen?

Für die Sicherheitspolitik wenig direkt, da die meisten Lehren militärischer Natur sind. Aber einige wenige gibt es doch: Und dazu gehört vor allem eine moderne Ausstattung der Streitkräfte in diesem Fall mit Drohnen und verschlüsselungsfähigen Funkgeräten.

Die militärischen Lehren sind:

Erstens Soldaten die eingeschlossen sind und für die Aufgabe keine Lösung ist kämpfen bis zum Äußersten das gilt für die Rebellen auf der Flucht sowie auch für die eingeschlossen Fallschirmjäger in Motivation und Kampfgeist war keine Seite der anderen unterlegen.

Zweitens mangelte es den Fallschirmjägern an Informationen über Stärke und Absicht des Gegners. Hätten die russischen Streitkräfte zu diesem Zeitpunkt bereits über Drohnen verfügt hätte man früher Gegenmaßnahmen treffen können. Eine andere Option wäre gewesen das Bereitstellen stärkerer Reserven gewesen um einen Mangel an Informationen durch Kraft auszugleichen. Oder man hätte die Operation abbrechen müssen bis man mehr Informationen oder mehr Reserven zur Verfügung gehabt hätte.

Des Weiteren hätte der 6. Kompanie ein Luftwaffenverbindungsoffizier zugeteilt werden müssen. Man hatte zwar einen Artillerieoffizier aber niemanden der die Luftunterstützung einweisen konnte. Zwei Mi-24 Hubschrauber die das Gelände überflogen konnten wegen schlechter Bodensicht nicht eingreifen.

Weitere Literatur zum Thema

Gennadi Nikolajewitsch Troschew: Mein Krieg. Tschetschenien-Erinnerungen eines Graben-Generals. (russ.: Моя война. Чеченский дневник окопного генерала), Verlag (Вагриус), 2001, ISBN 5-264-00657-1.

Paul J. Murphy: The wolves of Islam: Russia and the faces of Chechen terror. Brassey’s, ISBN 1-57488-830-7.

C.W. Blandy: Conflict Studies Research Centre: Chechnya Two Federal Disasters. 2002, ISBN 1-903584-78-7.

Bildurheber: Alexpl

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s